Facettenreicher Engel

Ich sah Dir heute morgen noch hinterher, wie Du hüftschwingend am Bahnsteig verschwunden bist. Ich seufzte. Und lächelte in mich hinein. Was für eine Frau.

Da gingst Du, da schwebtest Du entlang, drehtest Dich noch einmal zu mir um, wie um Dich zu vergewissern, ob ich Dir auch tatsächlich auf Deinen Hintern schaute. Ich lächelte wieder, versuchte mein Herz zu beruhigen, das gerade ziemlich laut in meiner Brust pochte, dieses aufdringliche Ding.

Was für eine Frau.

Ich fuhr bedauernd nach Hause, um ein wenig aufzuräumen. Ich sah Deinen roten Slip von gestern zwischen meinen Sachen vor dem Bett achtlos auf dem Boden liegen. Ich erinnerte mich noch daran, wie Du ihn gestern anhattest, als Du Dich mit Deinem Hintern an mich angeschmiegt hattest. Ohne nachzudenken, nahm ich ihn und legte ihn um den Kopf meines Eisbären. Ein Lustbär, kicherte ich.

Angel steht vorn in goldenen Lettern drauf. Na von wegen, dachte ich grinsend. Ein Engel, das bist Du machmal, eine Zauberin das andere Mal, verzauberst mich mit Deinem Blick, mit Deiner Stimme, mit Deinem Gang und Deiner Zunge. Und wiederum ein anderes Mal bist Du gar ein verführerischer Succubus, die meine Lust kitzelt, sie anstachelt, mich dazu bringt, glücklich schmatzend vor Dir zwischen Deinen geöffneten Schenkeln zu knien, mit Deinen Fingern in meinem Haar gekrallt, mich an Dich pressend, mein Hintern und mein Rücken wund dabei.

Ein Engel warst Du gestern Abend, als ich Dich vom Bahnhof abholte und sah, wie müde Du warst, wie glücklich, wie ausgeglichen. Einem Engel glichen Deine Locken, wie sie voll im untergehenden Licht der Sonne glänzten und im Takt mit Deinen Schritten wallten. Ein Engel warst Du, als ich Dich in meine Arme nahm, Dich hielt und küsste. Einem Engel gleich sahst Du mich an, glücklich, offen, voller Liebe und Zuneigung.

Den Engel fuhr ich heim zu mir, dem Engel empfahl sich eine Dusche hier und der Engel legte sich danach danieder, deckte sich zu und redete über ihre großen Taten, während ich dem Engel etwas kochte und kredenzte. Ich aß mit dem Engel und wir tranken ein Bier.

Der Engel schnurrte sanft wie eine Katze, als ich ihre Füße mit Öl massierte und der Engel schlief erschöpft ein im Wissen, dass ich da bin und über ihre Träume wachte. Ich sprach mit dem Engel in ihrem Traum und sagte wispernd: „Gute Nacht, mein Engel. Schlafe schön und wisse, dass ich für Dich da bin“.

Was für eine Frau.

Die Zauberin in Dir erwachte heute morgen und hatte mich in ihrer Hand. Sie lachte und gurrte mit ihrer Zauberstimme: „Komm! Komm für mich!“

Ich folgte ihr vertrauensvoll und sie nahm mich mit, ließ mich gewähren, ließ mich winden, ließ mich schreien und ließ mich kommen. Eine Zauberin, fürwahr. Aber eine ganz und gar zauberhafte Zauberin, das bist Du.

Was für eine Frau.

Die Zauberin in Dir verschwand, zog sich zurück, ließ Dich wieder zum Vorschein kommen. Du strecktest Dich und recktest Dich, wandtest mir Deinen Hintern zu, den ich gleich packte, den ich gleich zeichnete, den ich gleich streichelte. Ich kroch unter Dich, lutschte an Dir und zeigte Dir, wie sehr ich Dich begehrte.

„Du Mistkerl, Du elender Scheisskerl!“ wurde ich belohnt. Und damit schickte ich Dich unter die Dusche, denn Du musstest Dich sputen, um den Zug zu erwischen. „Du Dreckskerl“, pfeffertest Du mir noch wild und aufgebracht aus dem Bad entgegen. „Ich werde mich rächen. Fürchterlich rächen“.

Was für eine Frau.

Und dieses eine Mal wünschte ich mir sehnlichst, dass Du ein Mann wärst und spüren könntest, wie sich eine viel zu enge Jeans in einem Zug voller Leute anfühlt. Wie es ist, wenn man seine Tasche auf seinem Schoß balancieren muss, weil man in Gedanken noch bei einer umwerfenden Frau ist, die man einfach nur begehrt.

Doch damit hatte ich den Succubus in Dir beschworen. Der letzte Blick am Bahnsteig, den sie mir aus ihren glühenden Augen Funken sprühend zuwarf, ließ mich erzittern vor Vorfreude.

Was für eine Frau, denke ich und grinse diabolisch lächelnd vor mich hin.

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