Die Sache mit dem Sex in Beziehungen – Kapitel #1 – Was ist denn dieser Sex überhaupt?

Ich habe aus diversen Gründen vor ein paar Monaten angefangen, über das Thema Sex in Beziehungen zu schreiben. Ursprünglich wollte ich eigentlich nur beschreiben, was für mich guten Sex ausmacht und warum das für mich ein wichtiges Thema ist. Aus diversen Gründen wurde daraus dann ein ziemlich langer Artikel und ich habe unter anderem darüber geschrieben, was Sex für mich bedeutet, was es für mich bedeutet, wenn diese Komponente in einer Beziehung fehlt, ich schrieb aus meiner Sicht, wie es zu einem solchen Lustgefälle unter den Partnern kommen kann, wie sich der eine und der andere während einer solchen Lustlosigkeitsphase fühlt und wie man in dieser Phase kommunizieren sollte. Es wurden immer mehr Themen, die mir durch den Kopf schwirrten und im Moment stellt sich heraus, dass man sich, um den Artikel komplett durchzulesen, einen halben Tag freinehmen müsste. Auch wenn ich diesen Blog vor allem für mich schreibe, freue ich mich natürlich auch darüber, wenn er aktiv gelesen wird, wenn man sich dann hinterher entweder per Mail oder Twitter oder wie auch immer austauscht. Daher habe ich heute morgen beschlossen, den Artikel in mehrere Artikel aufzuspalten und daraus eine kleine Serie zu machen.
Ich beginne einfach mal mit dem Thema „Was verdammt noch mal ist denn dieser Sex überhaupt“.

Sex ist eine wirklich tolle Erfindung der Evolution. Wenn man mich fragt, dann ist er eigentlich DIE Erfindung der Evolution schlechthin und der Evolution gehört dafür der Nobelpreis verliehen. Mindestens.

Sex wirkt auf den Menschen wie ein natürliches Antidepressivum, denn Sex wirkt stimmungsaufhellend durch das Ausschütten von Dopamin. Du hast Ängste? Du bist deprimiert, befindest dich am Rande eines schwarzen Lochs, das dich unaufhörlich in sich hineinziehen will? — Hab Sex und du widerstehst der dunklen Seite (das hätte man mal Anakin Skywalker raten sollen, dann wäre die Saga nach 15 Minuten zu Ende gewesen).

Sex ist die Muse eines Künstlers. Du hast eine Schreibblockade? Buchstaben und Worte verwirren dich im Moment eher, als dass sie irgend einen Sinn ergeben? Der Maler kann keine Formen mehr zeichnen und Farben sind eh alle doof? — Lass dich von der Muse in Form von Sex verführen, denn beim Sex schüttet der Körper Endorphine aus, welche unter anderem die Kreativität fördern.

Du neigst dazu, krank zu werden? Hab einfach viel und regelmässig Sex. Denn Sex hat eine wohltuende Wirkung auf das Immunsystem. Du hast eine Entzündung im Körper, neigst zu Asthma, hast Allergien? – Lass dich einfach mal so richtig durchvögeln, das Hormon Cortisol sorgt dafür, dass Entzündungen erst gar nicht entstehen – regelmäßig angewendet.

Sex hilft besser als manches Schmerzmittel gegen Schmerzen, da im Körper Opioide freigesetzt werden – und du musst sie nicht mal rauchen! Ein ständiger Orgasmus würde ausreichen. Dabei stelle ich mir gerade vor, wie die Arbeit als Ersthelfer wohl aussehen würde. Sex sollte man vom Arzt verschrieben bekommen, denn er wirkt präventiv aber auch als Medizin, wenn man krank ist.

Das wichtigste allerdings ist, dass Sex durch Oxytocin bindungsfördernd wirkt. Er baut Nähe zu Deinem Partner auf, Vertrauen, fördert das Gemeinsame, erleichtert den Alltag, lässt Stress an dir abperlen und macht nebenbei auch noch verdammt viel Spaß.

Es gibt Menschen, die können nicht einfach nur Sex mit jemandem haben, weil sie sich „zu schnell verlieben“. Und das hat einen Grund. Eben da Sex eine Bindung schafft oder intensiviert, weil er Nähe gibt, weil er etwas besonderes sein kann. Sex ist das Abtauchen in etwas wunderschönes, in eine rosarote Traumlandschaft, einer Kuppel, die die Zeit um dich und deinen Partner herum anhält, er lässt Sorgen und Nöte vergessen und gleichzeitig Träume entstehen, er zeigt dir dass du etwas wert bist, dass du begehrt wirst von einem Menschen, der dich begehrt. Du öffnest dich, du fühlst dich wohl, geborgen, als jemand besonderes für diesen Moment. Sex ist der Klebstoff einer Beziehung. Ohne ihn geht es nicht, man fällt auseinander, entfremdet sich und wird früher oder später getrennte Wege gehen. Gerade in stressigen Zeiten, in denen man sich vielleicht auch wegen unglaublich doofer Dinge streitet, hilft der Sex, wieder zueinander zu finden. Denn es zeigt dir: „Egal, was ich eben noch gesagt habe, es tut mir leid und ich liebe und begehre dich.“

Im Umkehrschluss heisst das aber in meinen Augen auch, wenn solche Momente fehlen, man sich nicht die Zeit für diese besonderen bindenden Momente nimmt oder nehmen kann, wenn man nur im Alltag lebt, morgens aufsteht, seinen geregelten Ablauf hat, abends einfach ins Bett geht, fehlt es auch an jener intensiven und intimen Nähe, die man als Mensch und als Paar benötigt, man verschließt sich dem anderen wieder, die Bindung bricht auf, es wird irgendwann unverbindlicher.

Jetzt stellen sich natürlich die Fragen der Fragen: „Wenn das alles so klar ist, warum hat man in Beziehungen oft zu wenig Sex? Und wie definiert man zuwenig überhaupt? Und was, verdammt noch mal, ist das überhaupt, dieser Sex?“

Was verdammt noch mal ist denn Sex überhaupt?

Das ist vermutlich die alles entscheidende Frage. Für den einen ist Sex das Rein und Raus und Fertig. Für den anderen beginnt Sex mit Blicken und Gesprächen, mit Flirten, Lachen und Gerüchen, mit zarten, scheinbar unabsichtlichen Berührungen hier und da, geht dann über in zaghaftes Küssen, um schlussendlich zu leidenschaftlichem Knutschen zu werden, um dann beim eigentlichen Spiel zu landen. Doch damit ist es nicht getan. Hinterher liegt man noch beieinander, kuschelt, streichelt sich, redet miteinander, lacht miteinander, weint vielleicht auch, hält sich und fängt sich gegenseitig wieder auf. Um dann vielleicht ein weiteres Mal zu vögeln.

Für mich persönlich ist es ganz klar letzteres. Sex ohne ein gewisses Vorspiel, ohne inniges Knutschen zuvor – für mich fast unmöglich. Während des Vorspiels werden so viele Hormone freigesetzt, es schaltet den Kopf ab (und der drängt sich bei mir gerne in den Vordergrund), verdrängt den Alltag und hilft einfach, sich dem Moment hingeben zu können.

„Willst du jedesmal, wenn wir knutschen, vögeln?“ wurde ich mal gefragt.

„Nein, aber jedesmal, wenn wir vögeln, möchte ich auch knutschen!“ hatte ich geantwortet. Obwohl das nicht so ganz stimmt. Ein richtiger leidenschaftlicher Kuss lässt mir die Knie tatsächlich weich werden. Aber dafür wird es an anderer Stelle härter und es entsteht Verlangen und ein starkes Begehren nach intimer Näher.

Und auch das Danach ist wichtig für mich. Ich habe es in meinen 28 aktiven Jahren niemals geschafft, nach dem Orgasmus aufzustehen und zu gehen. Dafür ist mir die Nähe danach zu wichtig. Ich selbst bin nach dem Orgasmus aufgedreht, in Spiellaune. Ich fühle mich wohl, brauche Nähe, genieße die Gerüche, den Moment, bin albern, kreativ, möchte mehr, viel mehr. Und ich lebe nach der Devise: „Nach dem Sex ist vor dem Sex“. Wenn es danach einfach vorbei wäre, würde ich mich um all das betrogen fühlen. Selbst bei Affären habe ich mir hinterher immer wieder das geholt, was ich brauchte und habe nicht selten danach ein erstauntes „Wow. Das hatte ich ja noch nie. Es ist wunderschööööön.“ gehört.

Natürlich ist Sex nicht für alle Menschen dasselbe. Und natürlich kann ich nicht erwarten, dass alle Menschen meine Ansicht teilen. Aber bei der Partnerwahl ist es ziemlich wichtig, dass man zumindest grundlegend übereinstimmt. Für meine Ex war Sex das Rein und Raus und Fertig. Danach noch im Bett liegen bleiben und kuscheln? Ein Ding der Unmöglichkeit. Sie ist meist kurz nach ihrem Orgasmus eingeschlafen und ich lag noch immer unbefriedigt daneben und dachte nicht selten sarkastisch, ob ich nicht eine typische Frau sei, die mit einem typischen Mann verheiratet ist. Vom Rollenklischee her würde das besser passen und es fehlte bei ihr eigentlich nur noch die Zigarette danach. Vorher Knutschen? Zeitverschwendung. Im Bett experimentieren? Neue Dinge ausprobieren? Das war nichts für sie. – Das funktionierte für mich eine zeitlang ganz gut. Aber irgendwann wurde es mir zu wenig. Ich fühlte mich betrogen und wund. Dazu kam, dass ohne Vorspiel auch das mit der Erektion eher schwierig wurde. Er stand zwar mal kurz auf, schaute sich neugierig um und war dann ganz erbost, wenn er tatsächlich gebraucht wurde: „Ich bin auch nur ein Mensch und brauche Zuneigung“ murrte er dann.

Das Vorspiel. Es ist für mich ein Spiel, das durchaus Stunden oder Tage dauern kann. Es ist eine Zeit, die sich hinziehen darf und kann und soll. Ich möchte teasen und geteased werden. In einer Partnerschaft kennt man seinen Partner und weiss oft, was ihn rasend vor Lust machen kann. Und dieses Spiel mit dem Feuer, mit der Lust, der Leidenschaft und dem gegenseitigen Begehren und begehrt werden, dieses Spiel, sei es aktiv oder passiv oder sowohl als auch, dieses Spiel ist für mich das Wasser in der Wüste, die tägliche Mahlzeit. Das ist das, was für mich den Sex ausmacht.

Im Bett experimentieren, neue Dinge ausprobieren, es einfach tun, selbst wenn man dabei feststellt, dass das nichts ist, was einen kickt. Dann lacht man halt und macht etwas anderes. Es geht beim Sex nicht um Leistung sondern darum, Lust und Begehren zu schenken und zu empfinden. Es ist ein Geschenk, etwas ganz besonderes. Etwas, dass nur dir und deinem Partner in diesem Moment gegeben ist. Ein Moment, der euch gehört. Ein Moment des Genusses, der Hingabe an einen anderen Menschen. Das ist der wahre Grund, meiner Meinung nach, warum manche Menschen nur dann Sex haben können, wenn sie etwas für den jeweiligen Menschen empfinden. Und warum sich andere Menschen „zu leicht verlieben“ würden.

Natürlich gibt es Zeiten und Situationen, in denen man nicht alles haben kann. Entweder ein schönes langes Vorspiel, oder das Kuscheln danach. Auch das Kuscheln danach ohne Sex davor ist wunderschön. Wenn man nach einem intensiven Vorspiel einfach nur zusammen liegt, miteinander kuschelt, sich gegenseitig vorliest und dabei Tee oder eine heisse Schokolade trinkt, ist das durchaus auch wunderschön. Oder wenn man zum Beispiel gemeinsam Zug fährt und sich auf ein paar heisse Minuten in der Toilette trifft, dann kann man an diesem Ort nicht erwarten, noch stundenlang zu kuscheln. Aber man kann ja wieder auf seinen Platz zurückgehen, sich dort aneinander kuscheln und den Partner streicheln. Es muss nicht immer alles passen, aber man kann es sich passend machen, so dass jeder seine Befriedigung daraus ziehen kann. Denn darum geht es beim Sex doch.

Mir ist auch bewusst, dass es Tage geben kann, an denen man nicht den Fußboden mit seinem Partner aufwischt, sondern einfach nur leichten Kuschelsex hat oder halt wirklich nur kuschelt. Auch der kann wunderschön sein. Wenn der Partner abends lustvoll im Bett darauf wartet, dass der andere vom Bad endlich zurück kommt. Sich dann in die Arme zu nehmen, miteinander zu knutschen und anschließend zu vögeln, ist wundervoll. Man liebt sich, begehrt sich, ist zärtlich zueinander, man zeigt es dem Partner und es ist schön. Es muss nicht immer das volle Spiel sein. Aber es wäre schön, wenn es ab und zu zum vollen Spiel käme.

„Was kann ich denn tun, um dir das heimkommen nach einer harten und stressigen Woche im Ausland oder nach einem Kids-Wochenende zu erleichtern?“ wurde ich einmal offen gefragt.

„Du könntest mir den Stress von der Seele vögeln, du könntest mich so intensiv knutschen, dass ich stöhnend an nichts anderes mehr denken kann, als an dich.“ war meine Antwort.

„Die Frage war ernst gemeint.“

„Die Antwort auch.“

Mir ist natürlich bewusst, dass das nicht immer funktionieren kann. Aber man kann und darf und soll in einer Partnerschaft Wünsche IMMER äußern dürfen. Und wenn es etwas gibt, das ich mir wünsche, dann haargenau so etwas. Für mich persönlich ist das Gefühl, dass mein Partner mich begehrt eines der schönsten und größten Geschenke.

Ich denke, jeder Mensch möchte begehren dürfen und begehrt werden. Und dieses Gefühl zu schenken, meinem Partner nicht nur zu sagen, dass ich ihn begehre, dass ich ihn als das größte Geschenk in meinem Leben erachte, sondern es auch zu zeigen, ist etwas wunderschönes. Mein Partner darf dieses Geschenk gern akzeptieren, es annehmen als das was es ist. Tut er es über einen längeren Zeitraum nicht, fühle ich mich leer.

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