Verarbeitung eines Traumas

Achtung! Dies ist keine Geschichte über Sex oder Drugs oder Rock’n’Roll. Vielmehr ist das eine Geschichte über mein persönliches Trauma, mit persönlichen Erinnerungen. Mir war es aus diversen Gründen wichtig, diese Geschichte einmal aufzuschreiben. Zum Einen, um mir selbst immer wieder bewusst zu machen, dass ich auf dem richtigen Weg bin, mich zu erkennen, die Ängste zu benennen und sie anzugehen. Zum Anderen hoffe ich, dass ich vielleicht anderen Menschen Mut machen kann. Es geht. Man kann es schaffen. Aber der wichtigste Punkt ist: Man muss es wollen.

Einleitung

Ich vermute, jeder Mensch auf der Welt hat kleine oder größere Traumata und damit über die Jahre hinweg Pakete zu schultern. Und jeder Mensch geht unterschiedlich damit um. Manche haben das Glück, dass sie in relativer Geborgenheit aufwachsen können und somit früh die Möglichkeit haben, diese Lebensereignisse zu verarbeiten. Andere wiederum verdrängen dieses Trauma, können oder dürfen nicht darüber reden und werden dann irgendwann, nachdem die eigenen Kinder groß genug sind, dass sie nicht mehr 100%ige Aufmerksamkeit benötigen, damit konfrontiert. Zunächst sind es nur Träume, die einen verfolgen und nicht schlafen lassen. Später sind es dann ganze Kaskaden von seltsamen Gedanken, die urplötzlich immer mal wieder auftauchen und Aufmerksamkeit einfordern. Manchmal lassen sie einen auch ganz anders handeln, als man es normalerweise tun würde. Und manchmal baut man in ganz normalen Situationen dicke Mauern um sich herum auf, kann urplötzlich keine Gefühle mehr zulassen, schön gemeinte Worte kommen zwar noch an, werden aber nicht mehr verstanden. Alles um einen herum ist wie unter einer Glaskugel. Man hört noch Bruchstücke, sieht noch Gesten, aber man erkennt nicht mehr.

Ich gehöre zu jener zweiten Gruppe.

Vergangenheit

Was ist passiert? — Nun, meine Mutter ist – relativ kurz, nachdem sie sich von meinem saufenden Vater getrennt hatte (ich war 8) und mit einem neuen Mann zusammengezogen ist (meinem Adoptivvater) – an Krebs gestorben. Ich war damals 13 Jahre alt. Sie hatte es geschafft, dem Krebs anderthalb Jahre lang die kalte Schulter zu zeigen, doch Chemotherapie und Krankheit hatten es geschafft, aus der einst lebenslustigen Frau eine ausgemergelte Figur zu machen, die versucht hatte, sich mit vielen neuen Kleidern und Perücken davon abzulenken.

Sie ist daheim gestorben.

Ich konnte dem Verfall zuschauen. Jeden Tag ein wenig mehr. Und jeder Morgen war für mich eine Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung. Lebte sie noch? Oder ist sie gestorben? Anfangs noch hoffte ich auf ersteres. Gegen Ende wollte ich nur noch, dass es endlich vorbei war.

Ich war damals der ältere Bruder von zwei 5 Jahre jüngeren Schwestern (eine leibliche und eine, die von meinem Adoptivvater kam). Da mein Adoptivvater sich auch um die Themen Geld und Hund kümmern musste, kam mir die Aufgabe zu, vor allem Nachts, wenn er arbeitete, auf meine Mutter aufzupassen. Gegen Ende hin war das nicht mehr so leicht. Sie schrie häufig vor Schmerzen und ich hatte die Aufgabe, sie zu beruhigen und notfalls die Morphium-Pumpe etwas höher zu dosieren. Manchmal schaute mich meine Mutter dann benommen an. Manchmal – ganz selten – war da wieder der Kampfgeist zu entdecken und ihre Stimme war kräftig und sie stellte Fragen, wie es mir in der Schule ginge, was meine Freunde machen, ob ich schlafen könne. Doch dann kamen wieder Schmerzschübe und ich konnte oft nicht mehr antworten. Oder wenn, dann hat sie mich nicht mehr gehört.

Ich weiss noch genau, wie ich einmal mitten in der Nacht zu ihr ins Schlafzimmer kam. Sie schrie vor Schmerzen und warf ihren Kopf von einer Seite zur anderen, der Körper war bereits voller Wunden und zu schwach, um noch irgend etwas zu machen. Ich ging langsam den Weg von der Schlafzimmertür zum Bett. Vor dem Bett stand ein altes Klavier als Raumteiler, so dass ich sie nicht sofort sehen konnte. Ich stand vor dem Bett, hörte ihre Schreie und betrachtete den gelben Apparat mit der Morphium-Spritze. Das Summen des Apparates höre ich noch heute immer mal wieder. — Und ich dachte mir, was würde wohl passieren, wenn ich den Drehregler nun ganz aufdrehte. Würde sie dann sterben? Hätte sie dann Ruhe? Wäre ich dann wieder in der Lage, zu schlafen?

Ich stand da mit gerade mal 13 Jahren und weinte, war hilflos, allein. Dann drehte ich den Regler zwei Striche weiter, wie es mir mein Adoptivvater erklärt hatte und beobachtete meine Mutter, wie sie wieder ruhiger wurde, sprach mit ihr, erzählte ihr irgend etwas und streichelte sie.

Dann ging ich gefühllos zurück ins Bett und versuchte, zu schlafen, ohne es wirklich zu können, denn Scham über die Gedanken davor, suchten mich heim. Ich wollte wirklich, dass meine Mutter stirbt? – Was war ich nur für ein Sohn? Was war ich nur für ein Mensch?

Zu dieser Zeit waren meine Schwestern meist bei Freunden und bekamen zum Glück nicht viel mit. Ich bin morgens aufgestanden, habe mir Frühstück gemacht, nach meiner Mutter gesehen, bin in die Schule und versuchte, mich zu konzentrieren. Ich war allerdings völlig überfordert und übermüdet.

Ein paar Wochen später war es dann soweit. Auch ich hatte ein paar Tage bei einem Freund übernachtet. Aber an diesem Tag wollte ich dringend nach Hause. Ich bin den ganzen Weg zu Fuß und ganz in Gedanken versunken, heim gelaufen. Ich habe die Wohnungstür geöffnet, kam rein, ging ins Schlafzimmer, wo mein Adoptivvater am Bett saß und seine Frau streichelte und mit ihr redete.

Ich ging in mein Zimmer. Und gefühlt wenige Minuten später hörte ich ihn schluchzen. Und dann laut weinen. Ich weiss noch, wie ich dachte: „Na endlich! — Da, wo du jetzt sein wirst, geht es dir bestimmt besser“.

Ich ging langsam ins Schlafzimmer zurück, sah meinen Adoptivvater, wie er seine Frau in Armen hielt, sie streichelte und küsste. Ich stand an der Tür und weinte leise. Dann ging ich raus. Und weinte. Allein.

Die nächsten Stunden vergingen, ohne dass ich wirklich sagen könnte, was passiert ist. Ich weiss, dass irgendwann die ganze Verwandtschaft da war. Meine Tante, meine Oma, mein Onkel, Cousinen und Cousin. Auch meine beiden Schwestern waren auf einmal da. Sie alle weinten, hielten sich in den Armen, sprachen sich Mut und Trost zu. Und ich stand abseits davon. Allein.

Ich ging ans Bett und schaute mir meine Mutter an, die Gurkenscheiben auf den Augen hatte, damit sie geschlossen blieben und ein rotweiss kariertes Geschirrtuch um ihrem Kiefer gebunden hatte, damit der Mund geschlossen blieb. Irgendwer hatte viele Kerzen angezündet und im Schlafzimmer verteilt. Ich setzte mich ans Bett und redete mit meiner Mutter. In diesem Moment hätte ich gern irgend jemanden bei mir gehabt, der mich in den Arm nimmt und mich tröstet. Nur war da niemand. Alle waren mit sich selbst beschäftigt, saßen am Wohnzimmertisch, redeten, tranken etwas.

Und dann kam der Leichenbestatter vorbei und wir sollten alle aus dem Schlafzimmer raus gehen. Nach einiger Zeit wurde meine Mutter im Flur aufgebahrt. Der Sarg war grau. Und offen. Darin lag eine 1,60m große Frau, die vielleicht noch 30kg wog. Sie trug das blaue Kleid meiner Mutter und hatte ihre beste Perücke auf. Sie war geschminkt und ihre Augen waren geschlossen. Aber der Kiefer hing leicht über.

Meine Oma bestand darauf, dass sich jeder noch einmal von ihrer Tochter verabschieden sollte. Ich wollte nicht. Ich wollte sie mir nicht anschauen. Ich hatte Angst davor, sie so zu sehen. Aber als braver Bub, der ich war, kniete ich mich vor den Sarg und verabschiedete mich ganz schnell.

Irgendwann hat mich dann meine kleine Schwester, die damals 7 Jahre alt war, in den Arm genommen. Später sagte sie mir mal, dass sie gesehen hätte, dass es mir dreckig ging, dass ich einfach nur da gestanden hätte und kreidebleich gewesen sei. Und dass mich niemand in die Arme genommen hatte, denn ich war ja der Große, der erwachsene.

Ein paar Tage später hat mich mein Adoptivvater abends in meinem Zimmer in den Arm genommen und wir weinten lange zusammen. Das war bis zu meinem Auszug das letzte Mal, dass ich in den Arm genommen wurde. Und es war das letzte Mal, dass er mit mir über die Ereignisse gesprochen hatte. Bis ich ihn dann 27 Jahre später dazu gezwungen hatte.

Die nächsten Wochen waren in meiner Erinnerung schön. Mein Adoptivvater spielte auf meinem Computer (einen Atari 800XL) ein Spiel, wenn ich in der Schule war. Ich habe ihm das morgens vor der Schule eingeschaltet und wenn ich dann mittags heim kam, spielte er und berichtete mir, wie weit er gekommen war. Im Sommer nahm ich immer ein Eis mit von der Schule heim, das wir uns teilten, während wir gemeinsam SummerGames spielten und den einen oder anderen Joystick dabei demolierten.

Nach dem Tod sind wir im selben Sommer nach München in eine zweieinhalb Zimmer Wohnung gezogen, mein Adoptivvater, meine beiden Schwestern, der Hund und ich. Mein Adoptivvater hatte damals immer gesagt, dass er es nicht mehr ausgehalten hätte. Und ja, es gab da ein paar Situationen, wofür ich ihm heute noch dankbar bin. Beispielsweise jene, in der meine beiden Schwestern und ich lachend vor dem Fernseher saßen und ALF angeschaut hatten, meine Oma reinkam und fragte, wie wir denn so kurz nach dem Tode bereits wieder lachen könnten. — Dass Lachen befreiend und tröstend wirken kann, musste man ihr erst erklären. Aber jeder Mensch trauert anders. Besonders Kinder.

Jedenfalls ist mein Adoptivvater aus der Heimat nach München geflohen. Sowohl vor seiner angeheirateten Verwandtschaft, als auch vor dem Finanzamt und zahlreichen anderen Einrichtungen, die Geld von ihm wollten. Später hatte ich herausgefunden, dass sie das Geld der Krankenkassen, das eigentlich für die Arztrechnungen gewesen ist, verprasst hatten. Er meinte, was hätte er einer sterbenden Frau schon sagen sollen? Keine weitere Perücke? Keine weitere Seidenbluse? Keinen weiteren teueren Alkohol?

In München hoffte er, all dies hinter sich zu lassen.

Allerdings hatte er damit auch das letzte Band zu meiner Familie durchschnitten. Ich sah weder meinen Cousin, noch meine Tante, oder meine Oma wieder. Meine Oma ist ein Jahr später gestorben. Auch an Krebs. An die Beerdigung kann ich mich kaum erinnern. Nur daran, dass ich plötzlich lachen und aus dem Saal verschwinden musste.

Dann waren wir wieder in München. Ich weiss noch, wie es für mich war, als ich mein damaliges Zimmer zum ersten Mal gesehen hatte. Mein Adoptivvater hatte mich schon gewarnt, dass es kleiner sei, als meine 20qm in der Heimat. Er hatte mich dann vom Hauptbahnhof abgeholt, wo ich mit dem Zug angekommen bin. Ich fuhr mit ihm nach Hause, wir gingen in die Wohnung, ich sah zuerst das riesige Zimmer der Schwestern, dann zeigte er mir sein Zimmer, in dem auch der Hund schlief. Dann sah ich die riesige Wohnküche. Und hinter der Küche ging ein kleines Zimmer ab. Eine ehemalige Vorratskammer. Das war mein Zimmer. 6,5qm. Ich öffnete die Tür, sah links und rechts die Schränke aus meinem alten Zimmer und hinten unter dem Fenster einen Berg mit meiner Wäsche. Die Matratze lag oben quer über den Schränken. – Das Zimmer war 3m lang und etwas über 2m breit. Ohne Schränke links und rechts. So passte nicht mal die 90cm Matratze zwischen die Schränke auf den Boden hin. Ich warf mich in die Wäsche und weinte erst mal lange.

Die kommenden beiden Jahre war ich Ersatzpapa und -mama meiner beiden Schwestern. Und ich baute eine Art Kokon um meinen Adoptivvater. Ich hatte Angst, dass er uns verlassen würde, also versuchte ich ihm alles recht zu machen. Er arbeitete fast jeden Tag, auch an Wochenenden, und ich war wieder der Große, der die Schwestern morgens wecken durfte, ihnen Frühstück machte, mit ihnen Schulaufgaben machte, lernte. Ich kochte, ich räumte auf. — Ach ja, und ich versuchte, in der Schule mitzukommen. Das Problem allerdings war, dass die hiesigen Gymnasien in vielen Fächern viel weiter waren, als oben im Norden. Ich kam nicht mehr mit. Weder in Englisch, noch in Latein, weder in Mathe oder Physik oder Chemie. Von den einfachen Lernfächern, wie Geschichte, Erdkunde und so weiter, will ich gar nicht erst anfangen. Das erste halbe Jahr ging zu Ende und ich hatte 5 Fünfer im Zeugnis. Ich schaffte aber zum Jahresende irgendwie den Übertritt in die 9te Klasse.

Ich hatte zu funktionieren. Aber das war nichts Neues. Ich hatte immer schon funktionieren müssen. Und all das war meine Aufgabe. Zur Zeugnisvergabe hatte ich immer einen großen Streit mit meinem Adoptivvater, der mir dann wieder meinen Computer (einen Amiga 500) weggenommen hatte, weil er der Meinung war, dass ich nicht lernte, weil ich immerzu nur am Daddeln sei. — Dass ich in der Zeit mir selbst das Programmieren beibrachte, was dann später meine Berufung wurde, war ihm egal.

Das waren übrigens mehr oder weniger die einzigen Worte, die er in den zwei Jahren mit mir gewechselt hatte. Ich sei zu schlecht in der Schule, ich würde Dachdecker werden, wenn ich nicht besser werden würde (woraufhin meine Schwester dann immer laut anfing zu weinen und zu rufen: „Neiiiiin, mein Bruder ist doch nicht schwindelfrei“).

Ich wurde 16 und er hat wieder geheiratet. Eine Frau aus der einstigen Heimat, eine Freundin meiner Mutter. Sie ist zu uns in die zweieinhalb Zimmer Wohnung gezogen. Mit einem weiteren Hund, mit einer weiteren Tochter, die im selben Alter war, wie meine Schwestern. Anfangs hatte ich mich darüber gefreut, dass wieder jemand bei uns zu Hause war. Ich sehnte mich irgendwie danach, die Verantwortung abzugeben und einfach nur ein Kind, ein Jugendlicher sein zu können. Ich sehnte mich auch danach, mit jemandem zu reden. Und irgendwo war da auch der Wunsch, in den Arm genommen zu werden und gesagt zu bekommen: „Danke! Das hast du gut gemacht. Aber jetzt bin ich ja da.“

Aber kurz darauf fingen die Streitereien mit ihr an. Sie war Sozialpädagogin und sah in mir einen schwer erziehbaren Jugendlichen. Vor allem aber sah sie in mir und meinen beiden Schwestern Fremdkörper im Familienglück.

Immerhin redeten wir. Sie sagte mir immer wieder, dass ich von der Schule sollte, dass ich das alles eh nicht könne, dass ich viel zu viel Taschengeld bekäme, dass ich zu lange abends weg sei, dass sie mich bei der Wohnungssuche schon gar nicht mehr angäben, weil man in München mit so vielen Kindern keine Wohnung bekäme.

Ein Jahr später (mit 17) bin ich ausgezogen worden. Ich kam eines Tages von einem Schulausflug heim und sah, dass mein Zimmer frisch gestrichen und komplett neu eingerichtet war. Statt eines Hochbetts und eines stinkenden grünen Teppichs, lag dort eine Futon-Matratze zusammengerollt in der Ecke und ein schöner neuer Teppich war verlegt worden. Einen Monat später war ich draußen. Sie brauchten Platz für das Baby, das bald kommen würde.

Ein Schulfreund von mir lebte mit seiner Mutter allein und sie vermieteten unter. Mein Adoptivvater hatte mir beim Umzug geholfen. Als wir fertig waren, nahm er mich in den Arm (zum ersten Mal seit dem Tod meiner Mutter) und sagte nur: „Es tut mir leid“. Und dann war er weg.

Die Miete bezahlte er mit meiner Halbwaisenrente und dem Kindergeld. Und für den Rest musste ich arbeiten gehen. Ach ja, und das Abitur machen.

Was soll ich sagen? Rückwirkend betrachtet, war dieser Schritt vielleicht das beste, was mir passieren konnte. Raus aus dem Kabuff, weg von dort, wo ich eh nicht willkommen war. Verantwortung für mich übernehmen. Und nur für mich. Nicht mehr für meine Schwestern und meinen Adoptivvater. Endlich konnte ich auch Freunde mit nach Hause nehmen. Endlich konnte ich auch eine Freundin mit heim bringen. Endlich konnte ich anfangen, zu leben. Wenn nur das leidige Thema Geld nicht gewesen wäre. Ich fing an, neben der Schule für meinen Lebensunterhalt zu sorgen. Ich arbeitete am langen Donnerstag und am Samstag Vormittag bei Kaiser’s Drugstore an der Kasse. Nebenbei schrieb ich kurze Artikel für eine Computer Zeitschrift und kam so ganz gut über die Runden.

Ich bestand das Abitur, wollte auf Lehramt studieren und stellte fest, dass ich dazu eher weniger geeignet bin, wohl aber konnte ich Programmieren. Und so hatte ich das Glück, Mitte der 90er zu einer gefragten Ressource auf dem Arbeitsmarkt zu werden.

Heute

Ich bin heute knapp 45 Jahre alt. Mit 39 Jahren habe ich angefangen, das alles und die Jahre davor (Aufwachsen mit 2 Alkoholikern, Vermittler zwischen den beiden zu sein, zusehen, wie sie sich im Suff anschreien, oft umziehen, weil es dort bestimmt viel besser werden würde und damit aber auch keine Wurzeln zu haben) zu verarbeiten.

Zuerst war es die reine Notwendigkeit. Die Ehe war nur noch eine Fassade, darauf aufgebaut, den zwei Kindern das beste zu ermöglichen, was man so tun konnte. Ich konnte lange Zeit nicht mehr schlafen. Ständig triggerte mich etwas und ich bekam Tagträume. Ich sehnte mich nach Ruhe, nach Geborgenheit, nach Zärtlichkeit, nach (körperlicher und geistiger) Nähe.

Ich war leer. Nach außen hin fröhlich, aufgeschlossen. Nach innen leer und einsam. Aber ich wollte etwas ändern. Ich wollte tatsächlich wieder fröhlich sein. Ich wollte fühlen können und fühlen dürfen. Also fing ich an, all jene sorgsam verschlossenen Erinnerungen aus ihren gesicherten Gefängnissen herauszulassen, sie mir anzuschauen, diese laut auszusprechen und mit Hilfe einer wunderbaren Therapeutin zu verarbeiten.

Ich ging manchen Verhaltensweisen auf den Grund und versuchte, herauszufinden, warum ich in bestimmten Situationen so reagiere, wie ich reagierte.

Warum zum Beispiel ignorierte ich seelische Schmerzen? Warum konnte ich niemals sagen, wenn mir etwas zu weit ging? Dass ich etwas nicht wollte? Warum habe ich stattdessen gelächelt und es geschluckt? Und bin im Notfall einfach weg gelaufen, nachdem ein verletzter kleinkindlicher Anteil in mir verbal um sich geschlagen hatte?

Oder warum konnte ich nie formulieren, was ich persönlich wollte? Warum habe ich meine Wünsche hinter denen aller anderen gestellt? Warum habe ich mich niemals für wichtig genommen, sondern es einfach als Tatsache akzeptiert, dass ich da ja nichts mitzureden hätte?

Warum konnte ich nicht um Hilfe bitten?

Warum akzeptierte ich das Messer in meiner Brust und forderte mit dem nächsten Satz im Prinzip noch das Messer im Bauch?

Die Gründe für all diese Eigenschaften wurden mir immer klarer, je näher ich jenen Szenarien kam, die oben beschrieben wurden. Ich kannte es einfach nicht anders.

Heute schaffe ich es, ab und zu – wenn es arg zu schwer wird – um Hilfe zu rufen. Heute schaffe ich es zu sagen, dass mir etwas nicht gefällt. Und heute schaffe ich es – oft noch unter großen Mühen – zu erklären, was ich möchte. Und heute schaffe ich es, trotz Verantwortung gegenüber anderen, mich um mich selbst zu kümmern.

Verantwortung. Verantwortung gegenüber anderen war und ist immer etwas gewesen, das mich aufrecht hielt. Ich hatte die Verantwortung für meine Mutter, meine Schwestern, für meinen Adoptivvater. Später dann für meine Exfrau und meine Kids. Wenn ich irgendwo in einen seelischen Abgrund blickte, dann hat mich diese Verantwortung immer am Schlafittchen gepackt, mich geschüttelt und mir gezeigt, wohin ich gehen müsse.

Dies ist aber auch ein zweischneidiges Schwert. Denn die Verantwortung hat mich unter anderem auch dahin gebracht, dass ich mich selbst vergaß und oft das Gefühl hatte, ein Zaungast im Leben anderer zu sein.

Und dann die Verlustangst. Sie ist das schwierigste Thema für mich. Ich habe viele Verluste gehabt. Menschen sind in mein Leben getreten und dann wieder verschwunden. Manche sind gestorben. Manche, wie meinen Adoptivvater und einen großen Teil meiner Familie muss ich aus meinem Leben verbannen, weil sie mir nicht gut tun. Das ist ein sehr schwieriger Prozess. Er tut weh. — Immer wieder.

Aber es lohnt sich.

3 Kommentare zu „Verarbeitung eines Traumas

  1. Danke, dass du das mit uns teilst. Verantwortung, dass ist lange auch mein Thema gewesen, und ist es noch. Deine Worte bewegen mich sehr.
    Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute auf deinem Weg.

    Gefällt 1 Person

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