BDSM: Die Sache mit den Schmerzen

Bevor ich Dilara kennenlernte, waren für mich Schmerzen immer etwas, dass ich lieber vermied, als sie zu suchen. Ich kannte Kopfschmerzen (ein steter Begleiter seit meiner frühen Kindheit), Zahnschmerzen (wenn man mit 12 Jahren eine Spange bekommt und sie erst mit 16 entfernen lässt, weil sich niemand berufen fühlte, seinen Sohn zum Kieferorthopäden zu schicken), Rückenschmerzen (wenn der Adoptivvater Umzüge machte und ich ab 11 Jahren bereits mitgeholfen hatte, darf man sich nicht wundern, wenn man eines Morgens mit einem Bandscheibenvorfall aufwacht) und natürlich hatte ich mir auch schon das eine oder andere Mal etwas gebrochen, was durchaus Schmerzen mit sich führte. — Das letzte Mal mit Ende Dreissig im Familienurlaub, als ich barfüssig den Kindern hinterhergelaufen bin, im Dunkeln irgendwo herunter sprang und feststellen musste, dass es doch etwas tiefer war, als gedacht. Es knackte vernehmlich, ich fluchte vernehmlich und habe zehn Tage später von einem lachenden Arzt, der sich kopfschüttelnd meine Geschichte angehört hatte, einen Gips verpasst bekommen. Nebst dem Tip, dass ich das nächste Mal besser gleich zu einem Arzt gehen und nicht einfach weiter im Meer Kinderweitwurf spielen sollte.

Schmerzen waren also definitiv mit etwas anderem als sexueller Lust verbunden.

Wenn ich mit Frauen ‚gespielt‘ hatte, dann waren es eher andere Dinge. Ich spielte mit der Lust vor dem Kommen. Ich brachte sie bis kurz vor den Orgasmus und hörte auf, zog mich mit einem fiesen Kommentar zurück, spielte weiter, hielt sie auf einem gewissen Level, bis ich sie dann endlich kommen ließ.

Oder ich spielte – je nach Partner – so, dass sie mehrmals hintereinander kam, bis die Augen glasig und der Mund trocken war, bis sie laut krächzend rief: ‚Ich kann nicht mehr‘.

Dann traf ich auf diverse Frauen, die gerade dabei waren, ihre Erfahrungen im BDSM-Umfeld zu sammeln, schaute mir interessiert die Bilder von Schwesterchen an, wie sie für ihren Dom mit Wachs gespielt hatte oder wie sie nach einer Spielsession aussah und dachte mir: Puhhh, also DAS ist tatsächlich erotisch.

Besonders, da das Thema Wachs für mich als ehemaligen Feuerteufel eine ganz besondere Bedeutung hatte.

Und dann traf ich auf Dilara und hörte ihr zu, wie sie aus dem Nähkästchen plauderte und in mir keimte der Gedanke auf, dass es tatsächlich durchaus lustvoll sein könnte.

Nur bin ich jemand, der das ganze erst mal selbst erfahren muss, um zu verstehen, ob und wie lustvoll etwas tatsächlich ist. – Von Switchen und Sub und Dom, von Top und Bottom von Up und Down… davon hatte ich zuvor noch nie etwas gehört. Bekannt war mir der Begriff ‚Domina‘ und dass es da um Schmerzen geht. Aber wie lustvoll so etwas sein konnte, war mir nicht klar.

Meine ersten Erfahrungen als Bottom machte ich mit Dilara relativ schnell. Beschrieben habe ich das hier: https://buddyw74.wordpress.com/2019/04/16/spielen-wir-ein-spiel/

Was mich an diesem Abend besonders fasziniert hatte, war der Umstand, dass ich nach der Session völlig klar im Kopf war. Es zählte nur noch das Hier und Jetzt, alle anderen Gedanken waren weg. Für jemanden wie mich, der den Kopf immer sehr voll hat, war das eine ganz besondere Erfahrung.

Die nächste Erfahrung machte ich mit Dilara während des Workshops, was ich hier beschrieben habe: https://buddyw74.wordpress.com/2019/05/12/der-bdsm-workshop-oder-wie-ich-lernte-zu-fliegen/

Auch wenn es ähnlich war, war es doch völlig anders. Ich bin weiter geflogen als beim ersten Mal. Während ich beim ersten Mal vom Kopf her völlig frei gewesen bin, fühlte ich mich die erste Zeit während des Workshops wie in Watte gepackt. Ich grinste vor mich hin, nahm meine Umgebung viel intensiver wahr, konnte Stimmungen fühlen und schwebte doch selbst auf einer Wolke.

Das nächste Mal fand dann ein paar Tage nach dem Workshop bei mir zu Hause statt. Und das, was Dilara dort in mir hervorrief, hat mir fast Angst gemacht.

Aber der Reihe nach.

Wir kamen nach dem Workshop bei mir zu Hause an, verbrachten einen wunderschönen Nachmittag bei mir auf dem Balkon in der Sonne und kochten gemeinsam und ließen es uns sehr gut gehen. Es war ein wunderschöner Nachmittag.

Irgendwann fragte mich Dilara mit jener Stimme, die in mir ganze Kaskaden von Lust hervorrief: „Wo ist Dein Halsband?“

Ich sprang auf, flog regelrecht zu meinem Rucksack, holte das Halsband aus der Tasche hervor und reichte es ihr. Natürlich stilvoll, indem ich mich vor sie hinkniete. Sie lächelte mich an, nahm mich in die Arme, küsste mich leidenschaftlich und zog mich aus. Wir küssten uns länger und leidenschaftlicher, und ich zog sie aus. Irgendwann hielt sie inne, und sagte: „Stop. Knie dich hin.“

Ich gehorchte, und sie legte mir das Halsband um. „Lege dich mit deinem Oberkörper auf das Bett und bleib so knien“.

Ich gehorchte immer noch. Mit ihrer rauen Stimme sagte sie: „Du machst das gut“

Jenes „Du machst das gut“ ließ mich vor Vorfreude zittern. Es fühlte sich richtig an. Es fühlte sich perfekt an. Und dann ließ sie den Flogger auf meinen Hintern niederknallen.

Ich keuchte auf. Ich wand mich.

Und wieder der Flogger, diesmal erwischte sie meine Oberschenkel und meinen Sack. Es zwirbelte, ich keuchte, ich stöhnte. Ich weiss noch, dass ich anfing, mich vor ihr zu verkriechen, indem ich mich möglichst klein machte.

„Beine auseinander“, hörte ich sie von weit entfernt schnurren. Ich gehorchte und bot mich ihr wieder an und der Flogger sauste wieder auf mich nieder, erwischte wieder meine Oberschenkel und wieder meinen Sack.

Es schmerzte und ich stöhnte auf. Und plötzlich stand jenes Bild vor meinen Augen. Ich war ein großes Tier, ich knurrte, bot mich ihr dar, bot mich ihr an. „Mach weiter!“ schrie alles in mir. „Mehr!“

Sie schlug ein weiteres Mal zu und ich wurde wild. Ich zuckte, ich wollte sie beissen. Ich wollte mich auf sie werfen, ihr den Flogger aus der Hand reissen, ich wollte sie packen und nehmen und gleichzeitig wollte ich nicht, dass sie aufhörte.

Einmal schlug sie noch zu und das Tier in mir nahm Gestalt an, es wurde größer und mächtiger und das Verlangen zu knurren, die Zähne zu fletschen, zu beissen, wurde übermächtig. Ich wünschte mir Ketten, die mich festhielten, ich wünschte mir einen Kerker mit einer Eisernen Tür, ich wünschte mir Dilara zu sehen, wie sie gerade nackt auf mir kniete, damit ich mich nicht befreien konnte. Ich wünschte mir, mich umzudrehen und sie zu packen. Noch ein Schlag und das Tier in mir wäre zu mächtig geworden.

Ich wand mich unter ihr, ich knurrte, ich wollte an ihre Beine, sie beissen, ich wollte sie packen, sie zu mir ziehen, mich auf sie stürzen, sie küssen, in sie eindringen, sie vögeln.

Noch einmal, gib mir noch ein einziges mal den Flogger und dann hast du das Tier in mir befreit. Noch ein mal. Bitte. Die Ketten zerspringen, ich bin das Urwesen, ein Wolf, ein Bär, ein Raubtier, das vor Hunger sich verzehrt.

Und Dilara spürte es. Sie hörte auf, legte sich auf meinen Rücken, streichelte mich, redete beruhigend auf mich ein. Und als sie merkte, dass das Tier wieder im Zaume war, befahl sie mir, mich auf das Bett zu legen. Ich durfte auf dem Rücken liegen, durfte sie anschauen, und sie stand über mir, ein Fuß auf meinem Bein. Und dann schlug sie zu.

Ich stöhnte auf.

„Sieh mich an!“ befahl sie mir.

Und ich schaute sie an, sah ihr in ihre glänzenden Augen, sah sie lächeln, sah sie grinsen. Und ich gab keinen Laut von mir. Das Tier lauerte noch, aber es gab mir nur die Kraft, die Schläge dieser wundervollen Frau über mir ohne einen Schrei von mir zu geben, auszuhalten. Ich beugte mich vor, bot mich an, lockte sie, fester zuzuschlagen, wand mich… und genoss.

Hinterher, ich wusste nicht mehr, wieviel Zeit verstrichen war, lagen wir eng umschlungen zusammen im Bett. Und ich wunderte mich über dieses Gefühl der Wildheit in mir. Auf der einen Seite wollte ich es so schnell wie möglich wieder erfahren, ich wollte wissen, wie weit das Tier in mir gehen wollte und konnte.

Auf der anderen Seite wusste ich aber ganz genau, dass es besser war, diese Erfahrung zu machen, wenn ich irgendwo festgekettet war. Am liebsten im Stehen. Am liebsten irgendwo von allen Seiten frei zugänglich, so dass ich mich drehen konnte, dass ich mich bewegen konnte, etwas Freiraum hatte, damit ich das Tier freilassen konnte und Dilara mit ihm besser spielen konnte.

Dieses Tier… es fasziniert mich. Ich heisse es willkommen. Rufen wir es gemeinsam hervor.

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