Über die Erkenntnis des Seins und das Zulassen von Lust und Leidenschaft

Angeregt durch einen längeren Artikel im JoyClub, der von der Autorin über Twitter geteilt wurde, in dem es um ihren Leidensweg und ihrer sexuellen Nicht-Erfüllung während einer längeren Beziehung ging, möchte ich hier auch mal über meinen eigenen (Leidens-)Weg schreiben.

Ich hatte eine 19 Jahre andauernde Beziehung (davon 16 Jahre verheiratet) zu einer Frau, die nach der Geburt des ersten Kindes so gut wie keine Lust mehr empfand. Das zweite Kind entstand ein Jahr später während eines Urlaubs am Bodensee. Ich kann das heute immer noch so genau sagen, da das damals ein besonderer Tag gewesen ist. Wir hatten nach einem Jahr wieder einmal Sex. Wir hatten davor lange über das Thema „Zweites Kind“ gesprochen und wollten es angehen. Da wir beide damals noch recht jung waren, waren wir ausgesprochene Fruchtgummis. Und das erste Mal nach einem Jahr war auch gleich ein Volltreffer. Zu meinem Bedauern war kein wochen- oder gar monatelanges Üben notwendig. Einmal reichte. Und dieses eine Mal war nicht besonders lang oder schön, wie man sich vorstellen kann. Nach einem Jahr unterdrückter Lust, kam ich recht schnell. Und eine Woche später zeigte uns der Test, dass wir erfolgreich gewesen sind.

Während wir in der ersten Schwangerschaft noch recht oft und recht intensiven Sex hatten, war es aus diversen Gründen in der zweiten Schwangerschaft nicht mehr so leicht möglich. Unter anderem, weil das erste Kind natürlich auch viel Aufmerksamkeit benötigte. Aber auch, weil ich beruflich viel unterwegs gewesen bin. Und die Wochenenden mit Familienkram und Alltag vollgestopft waren.

Die 10 Monate vergingen und ich fand in jener Zeit sehr viele Argumente, warum das halt so war. Ich war zwar sexuell frustriert, aber konnte die Hintergründe dafür verstehen, nachvollziehen. Und die Zeit mit dem ersten Kind war auch eine schöne und erfüllende Zeit. Ich sah ihn größer werden, hörte ihn das erste Mal „Papa“ sagen, war dabei, als er zu laufen anfing und es war einfach schön. Es fehlte mir zwar etwas, aber ich konnte dieses Etwas gut verdrängen, ignorieren oder eben auch kompensieren.

Dann wurde der zweite Sohn geboren. Und die ersten Jahre waren ähnlich schön, ähnlich fordernd. Und wieder fand ich viele Argumente, die mir klar machten, dass mein Verlangen, meine Lust, völlig unangebracht waren. Ich fing sogar an, mich für meine Wünsche zu schämen. Der Tag war halt wieder anstrengend. Natürlich geht sie früh ins Bett. Wenn ich den ganzen Tag auf die zwei aufgepasst hätte, wäre ich auch müde. Das musst Du doch verstehen. Zwar schrie alles in mir auf und fragte: „Und wer, verflucht nochmal, versteht mich?“ Aber mit viel Selbstbetrug und einer Portion Selbsthass konnte ich diese Stimme der Vernunft immer wieder unterdrücken.

Dann kamen beide langsam in ein Alter, in dem sie morgens anfingen gemeinsam zu spielen. Wir hätten als Paar mehr Zeit gehabt, uns miteinander zu beschäftigen. Aber der Alltag frass diese Zeit auf. Der Alltag bestand darin, mit den Kindern zu spielen, die Wohnung zu putzen, aufzuräumen, wunderschöne Familien-Dinge zu machen. Und natürlich auch darin, dass jeder von uns zwei Erwachsenen seine Rolle spielte. Da meine Exfrau sich dafür entschieden hatte, bei den Kids zu Hause zu bleiben, musste ich schauen, dass genug Geld vorhanden war. Und da mein Beruf darin bestand, andere Firmen in Sachen IT zu beraten, war ich auch relativ wenig zu Hause.

Wenn ich heute zurückblicke, dann kann ich die Male, an denen wir tatsächlich in jenen ersten 6 Jahren nach der Geburt des ersten Kindes, gemeinsam Sex hatten, an einer Hand abzählen. Wir sprachen zwar ab und zu über das Thema „Drittes Kind“, aber ich erklärte, dass ich das nur mit viel Übung machen wollte. Also ließen wir es gleich ganz bleiben.

Dann starb die Mutter meiner Exfrau an Krebs. Und natürlich war ich für sie da. Ich hielt sie, wenn sie mich brauchte, ich hörte ihr zu, wenn sie reden wollte und begleitete sie in ihrer Trauer, so gut wie ich das konnte. — Lust und Leidenschaft waren natürlich kein Thema. Auch nicht für mich.

Nach dem Tod ihrer Mutter fing sie an, überall Gespenster zu sehen. Jede Erkältung des jüngsten Sohnes war gleich irgend eine schreckliche Krankheit, die nur kein Arzt wirklich erkannte. Dass er dann wieder schnell gesund wurde, war nur Zufall. Zunächst schob sie die vielen Erkältungen (das war die Zeit, in der der Große eingeschult und der Kleine in den Kindergarten kam, sie also mit vielen neuen Viren und unbekannten Bakterien konfrontiert wurden), auf die Bausubstanz der Wohnung. Also wollte sie umziehen, denn sie sah überall Wasser in den Wänden und damit Schimmel und sonstige schädlichen Bakterien. Im Nachhinein betrachtet, würde ich eher vermuten, dass sie in einer tiefen Depression steckte, ohne mit mir – ihrem Partner – darüber zu reden oder sich anderweitig helfen zu lassen. Nur dass sie den Tot ihrer Mutter nicht wirklich verarbeiten konnte, das war mir damals schon klar. Ich begegnete ihr mit Verständnis. Immerhin hatte ich meine eigene Mutter als 14 jähriger verloren. Ich konnte also irgendwo nachvollziehen, wie es ihr gehen musste.

Wir suchten uns also ein Haus, in das wir Ende 2007 auch zogen. — Doch oh Wunder, der Jüngste wurde weiterhin krank (wie auch der älteste oder auch sie oder ich). Das war in meinen Augen nichts besonderes. Denn Schul- und KiGa-Wechsel und für mich die Tatsache, dass ich jetzt nicht mehr nur Deutschlandweit unterwegs war, sondern Europaweit, forderte unser Immunsystem einfach heraus. Ich ließ mich deswegen nicht stressen. Sie sich hingegen schon.

All ihr Handeln und Denken war auf das Thema Gesundheit des Jüngsten ausgerichtet. Was hat er, welcher Arzt kann helfen, warum finden die Ärzte nichts? Was war da los? Welche besondere Krankheit könnte er haben? Sie ließ ihn fast das halbe Schuljahr zu Hause, weil er mittlerweile erkannt hatte, welche Knöpfe er drücken musste, um zu erreichen, was er wollte. Wir stritten uns viel über dieses Thema. Oder anders gesagt: Ich war und bin nicht der Meinung, dass man sein Kind bei dem ersten Huster zu Hause lassen sollte.

Zeit für uns als Paar fanden wir selten. Und das, obwohl sowohl sie als auch ich genügend Geschwister hatten, die hätten aufpassen können. Wir gingen zwar mal gemeinsam Essen, aber die Themen, die wir dort besprachen, waren nichts, was uns als Paar weiter zusammengeschweißt hätte. Es ging um Krankheiten.

Sex hatten wir keinen. Auch das Reden darüber, dass mir es fehlte, brachte nichts. Wir kamen im Jahr durchschnittlich auf 3 Male. — Nun ist mir Qualität tatsächlich wichtiger als Quantität. Aber wenn man von einer Quantität nicht mal träumen konnte, half auch eine gewisse Qualität nicht wirklich. Und die Qualität bestand darin, dass ich oft noch dazu ein schlechtes Gewissen hatte, dass wir vögelten. Dass ich bei all ihrem Stress überhaupt daran dachte, mit ihr ins Bett zu wollen. Sie ließ es über sich ergehen. Das war kein schönes Gefühl für mich als Partner. Irgendwo nagte sogar Schuld in mir. Selbstsucht.

Wir sprachen zwar viel über das Thema, aber wirklich geändert hatte sich daraufhin nichts. Es hielt meist nicht mal bis zum Abend. Es musste wohl an mir liegen. Vielleicht wollte ich einfach zu viel? Oder zu oft. Oder noch schlimmer? Vielleicht war ich halt einfach nicht attraktiv? Die Gespräche verliefen meist so:

„Aber wir hatten doch gerade erst Sex?“

„Das war vor vier Monaten.“

„Ja, eben? Was willst du denn noch? Du musst verstehen, dass ich das nicht brauche. Immer willst Du mehr. Sei doch zufrieden. Außerdem fühle ich mich nicht wohl. Ich kann mich selbst nicht ansehen.“

Und später verlief es dann sehr häufig so:

„Au ja, lass uns heute Abend mal wieder früher und gemeinsam ins Bett gehen. Ich habe Lust auf dich.“ Zunächst fand ich diesen Satz total schön von ihr. Ich freute mich auf den Abend. Ich brachte die Kinder ins Bett, las ihnen noch vor oder erzählte ihnen eine Geschichte. Währenddessen schaute sie sich etwas im Fernsehen an und entspannte sich. Ich ließ mir Zeit mit den Kindern, denn ich wollte ja zunächst, dass sie entspannt war.

Dann schliefen die Kinder, ich kam zu ihr ins Wohnzimmer und sah, dass sie auf dem Sofa eingeschlafen war. Meine Vorfreude bekam einen gewissen Dämpfer. Während ich sie anfangs noch schlafen ließ (was darin gipfelte, dass sie sich bei mir beschwerte und anschließend sauer ins Bett ging. Allein versteht sich), weckte ich sie später auf, um mir einen Anschiss abzuholen, warum ich das denn jetzt gemacht hatte. Oder aber ich weckte sie und sie sagte mir: „Ich bin jetzt wirklich müde. Ich gehe ins Bett.“

Wohlgemerkt: Die Betonung lag auf ICH. Sie würde ins Bett gehen. Ohne mich. Und Sex würde es auch wieder nicht geben.

Später beeilte ich mich mit den Kindern, um doch noch etwas Zeit mit meiner Frau verbringen zu können. Aber das Resultat war oft dasselbe. Sie ging müde ins Bett und ich durfte schauen, wo ich bliebe.

Die nächsten Jahre verflogen. Ich hörte auf, gleichzeitig mit ihr ins Bett gehen zu wollen. Zum Einen, weil sie bereits um 21:30 spätestens lag und ich eher weniger Schlaf brauchte. Zum Anderen, weil ich es nicht ertragen konnte, neben ihr zu liegen und zu wissen, dass das einzige an körperlicher Nähe, das ich von ihr bekommen würde, ein trockener Kuss wäre. Keine Umarmung, kein Streicheln, kein Knutschen, keine Berührungen, nichts. Ich traute mich irgendwann nicht mal mehr, sie im Bett von hinten in die Arme zu nehmen, aus Angst, dass ich Lust auf sie bekommen würde. Und dann nur ein „Lass mich!“ gefolgt von einem „Immer willst du nur das Eine“ und dann einem leichten Schnarchen zu bekommen.

Also ließ ich sie allein ins Bett gehen. Und ich verzog mich in mein Arbeitszimmer, spielte Computer, schaute fern oder sah mir Pornos an. Und zweifelte immer mehr an mir. Warum habe ich so ein Verlangen nach Nähe? Nach Sex? Was stimmt mit mir nicht? Sollte ich mich vielleicht mal untersuchen lassen? Bin ich gar wirklich sexsüchtig, wie sie denkt? Brauche ich therapeutische Betreuung? Was kann man gegen diese unbändige Lust machen? Bin ich normal? Bin ich vielleicht wirklich egoistisch? Narzistisch?

Der Frust staute sich in mir auf. Ich nahm immer mehr zu. Ich schaute auf die Waage und stellte fest, dass ich fast drei Zentner wog (und sie zwei). Kein Wunder, dass sie mich nicht attraktiv fand. Jetzt hatte ich die Lösung gefunden. Ich war ein ekliger Fettkloss geworden. Endlich. Die Lösung!

2013, die Kinder waren 9 und 7, fing ich an, abzunehmen. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich 35kg weniger. Ich fühlte mich wohl in meiner Haut. Ich konnte sogar wieder die Zehenspitzen sehen, wenn ich an mir runter schaute. Ich fing an, Sport zu machen. Ich lief viel, machte viel Krafttraining und ich begann, mich wohl zu fühlen. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Denn dann kamen die Hormone wieder. Meine Lust erwachte noch stärker. Wir redeten weiterhin und wieder viel miteinander. Ich versuchte ihr klar zu machen, dass ich sie liebte, aber dass ich tatsächlich etwas vermisste. Dass ich sie vermisste. Ihre Nähe, ihren Körper.

Aber all das Reden half nichts. Ich lag weiterhin frustriert neben ihr im Bett. Ich traute mich nicht mal mehr, sie anzufassen oder in den Arm zu nehmen, aus Angst, dass ich Lust bekam. Lust auf sie. Und dann die Angst, dass sie sich wegdrehte. Dass ich wieder einmal mir Hoffnungen gemacht hätte, die nicht erfüllt wurden, wie in all den Jahren zuvor. Zerstörte Hoffnung, Enttäuschung.

Dann – das ganze verlief knapp 11 Jahre so, in denen wir insgesamt nicht mehr als 30-40 mal miteinander Sex hatten – lag sie in der Badewanne und rief mich, ihr ein Handtuch zu bringen.

Ich schnappte mir eines, lief hoch ins Bad, sah sie aus der Wanne steigen, legte ihr aus einem Impuls heraus das Handtuch um ihre Schultern und zog sie zu mir, um sie zu küssen. — Und sie stiess mich weg und sagte: „Ich will nicht.“

Das war für mich der Moment, indem ich wusste, dass ich so nicht mehr weitermachen konnte. Dass mich diese Beziehung auffressen und kaputt machen würde. Dass ich über knapp 11 lange Jahre hinweg mich, meine Sexualität, meine Wünsche, meine Bedürfnisse, eigentlich alles, was mich als Person, als Mensch, als Mann ausmachte, konsequent ignoriert, unterdrückt, versteckt und durch andere Dinge kompensiert hatte. Das war der Moment, wo alles in mir aufschrie und nur noch weg wollte. Weg von dieser äußerlich zwar intakten und harmonischen, innerlich aber kalten und leeren Beziehung.

Ich stellte mir Fragen an diesem Abend, nachdem ich die erneute Abweisung verdaut hatte, indem ich mir zwei Stunden lang Pornos anguckte und es mir drei mal in dieser Zeit genussvoll selbst machte (ja, das weiss ich heute noch).

Die Frage ist nicht, was mit mir nicht stimmt. Die Frage ist vielmehr, warum ich das ohne wirklich viel zu Murren 11 Jahre lang ausgehalten habe. Ohne Berührungen, ohne körperliche Nähe, ohne Zärtlichkeit, ohne wirklicher Partnerschaft. Die Frage nach dem fehlenden Sex kommt eigentlich erst danach.

Was war es also, dass ich mich selbst, mein Wohl, meine Lust, MICH 11 Jahre lang untergeordnet und es als selbstverständlich angesehen hatte, dass ich es also nicht wert sei, auch körperlich das zu bekommen, was ich brauchte.

Und das führte dann auch dazu, dass ich anfing, über meine Vergangenheit nachzudenken. Meine Kindheit, meine Jugend. Während ich in den Jahren davor meine eigene Kindheit versucht hatte, zu ignorieren und aus Impulsen heraus vieles einfach nur besser machen wollte, als ich es hatte, kamen nun sämtliche verdrängten Gefühle und Ängste und Sehnsüchte mehr oder weniger auf einmal hoch.

Ich beobachtete und hinterfragte mich, wie ich mit den Kindern umging. Ich war zärtlich zu ihnen, liebevoll. Ich nahm sie sehr oft in meine Arme, redete mit ihnen, machte total viel Blödsinn mit ihnen, lachte mit ihnen viel, kuschelte und war ihnen ganz nahe. Wir sind im Sommer nackt und lachend durch den Regen im Garten gelaufen, haben uns genau so nackt dann in den Schlamm geworfen. Im Herbst haben wir gemeinsam das Laub auf einen Haufen gehakt und sind hinterher zu dritt darin rumgesprungen. Wir sind im Winter durch Schnee gewatet, haben uns Iglus gebaut, Schneemänner. In den Sommerurlauben in Italien verbrachten wir zu dritt sehr viel Zeit im und am Meer. Wir haben Schlammschlachten gemacht, ich habe beide möglichst weit ins Meer geworfen („Kinderweitwurf“ – Einfach klasse!!!) Wir haben uns benommen wie Kinder. Alle drei. Und ich habe es genossen, ihnen Nähe zu geben. Geborgenheit. — Denn mir wurde bewusst, dass ich das nie von meiner Mutter oder meinem Adoptivvater bekommen hatte. Und mein Bio-Papa hatte immer Ärger von meiner Mutter bekommen, wenn er so etwas mit mir gemacht hatte. Vor allem aber dann, wenn sie merkte, dass ich ihn liebte. Dass ich ihm meine Zuneigung schenkte.

Mir wurde bewusst, dass ich es gar nicht anders kannte. Woher sollte ich wissen, wie man als Erwachsener etwas einforderte, das man sich wünschte und dann auch darauf pochte, dass es eingehalten wurde? Wenn man es als Kind nie gelernt hatte. Wenn man selten Wünsche geäussert hatte, weil man die wiederholte Ablehnung gefürchtet hatte. Weil man, wenn man sich etwas wünschte, nur enttäuscht wurde. Und wenn man dann noch mal nachfragte oder gar sagte, dass man traurig sei, mit tagelangem Liebesentzug bestraft wurde, weil man es gewagt hatte, die Entscheidung seiner Mutter zu hinterfragen. Wenn man sich als Kind nie wirklich als wertvoll gefühlt hatte. Wenn man um Aufmerksamkeit und Liebe betteln musste. Wenn man seine eigene Mutter gefürchtet hatte.

Ich ging in mich und fragte mich, was meine Wünsche denn seien. Was war es wirklich? Und als ich die Antwort fand, da liefen mir die Tränen runter. Ich wollte geliebt werden. Um meiner selbst willen. Und nicht, weil ich etwas toll oder nicht falsch gemacht hatte. Ich wollte berührt werden. In den Arm genommen werden. Gar gestreichelt. Ich wollte geküsst werden. Ich wollte, dass ich gehalten werde und mir in schlechten Zeiten gesagt wird: Ich liebe Dich. Und dass dieser Satz vom Herzen kommt.

Und ich wollte meine Lust ausleben DÜRFEN und KÖNNEN. Ich wollte diesbezüglich nicht länger der Zaungast im Leben anderer sein.

Ich wollte und konnte einfach nicht mehr meine Lust und meine Bedürfnisse denen meiner Exfrau oder irgend eines anderen Menschen unterordnen, so wie ich das bis dahin mein ganzes Leben lang gemacht hatte, wie ich es gelernt hatte. Was meine Überlebensstrategie gewesen ist.

Ich wollte endlich leben!

Ich meldete mich auf einer Porno-Seite an, auf der man für Geld mit anderen chatten konnte und gab dort knapp über 2.000 EUR aus.

Mir war sehr wohl bewusst, dass man die Damen dort nicht wirklich real besuchen wird können, auch wenn quasi jede auf ihrer Profilseite ein „Ich stehe nur auf reale Kontakte“ hatte. Aber darum ging es mir in erster Linie auch nicht wirklich. Ich hätte ja auch einfach in den Puff gehen können, wenn es mir darum gegangen wäre. Mir ging es vielmehr erst einmal darum, zu verstehen, was ich suchte und was ich wollte. Mir ging es darum, mich zu verstehen, die Lust in mir zu verstehen. Und ich musste lernen, wie man flirtet.

Das ganze hatte also für mich einen gewaltigen therapeutischen Nutzen.

Ich lernte, dass meine Art zu schreiben, mein Verspielt-Sein, mein Humor, ankamen. Ich lernte, dass meine Fantasien tatsächlich auch von einigen geteilt wurden. Ich lernte die verschiedenen Abkürzungen im Pornobereich, ich lernte, was Sub, was Dom bedeutete, ich lernte, was ich mochte und was nicht. Manches kam mir suspekt vor, manches überaus skurril, manches einfach nur doof oder gar eklig. Aber das meiste gefiel mir.

Ich lernte, mit meiner Lust umzugehen, mit mir umzugehen und mit mir vertraut zu werden.

Und dann jener Abend in einem griechischen Restaurant. Meine Exfrau redete wieder einmal von Krankheiten, ich hielt demonstrativ mein Handy immer mal wieder vor der Nase, um mit der einen oder der anderen virtuellen Frau zu flirten, bis es meiner Exfrau zu viel war und sie mir das Handy aus der Hand riss — Und die letzten Chats las.

Sie war – wie man sich vorstellen kann – nicht gerade begeistert davon, dass ich während wir zusammen in einem Restaurant saßen, mit anderen über Sex redete. Auch wenn sie mit mir schon seit langer, langer, langer Zeit nicht mehr über das Thema geredet hatte, es gar ignoriert hatte, mir Sexsucht unterstellt hatte, mir geraten hatte, dass ich mich in therapeutische Behandlung begeben sollte, ich an mir gezweifelt hatte, ich mich irgendwann soweit für mich und meine Lust geschämt hatte, dass ich mir überlegt hatte, mich chemisch kastrieren zu lassen, um keine Lust mehr zu empfinden.

Wir zahlten und fuhren heim. Sie war eiskalt in der Zeit. Sie dachte daran, sich von mir scheiden zu lassen. In diesem Moment hatte ich sie in ihren Augen massiv betrogen. Ich – ihr Mann – stellte mir vor, mit anderen Frauen Sex zu haben? Wie egoistisch war ich nur?

Zu Hause angekommen, stritten wir uns zunächst. Wie könne ich nur? Was sei ich nur für ein Mensch? Wie abartig ich doch sei. Und ich hielt dagegen und sagte ihr immer wieder, dass ich ihr mehr als einmal erklärt hatte, dass ich sie liebe und dass ich sie begehre.

Das war der Startschuss für eine drei Monate anhaltende sexuelle Orgie zwischen uns beiden. Sie fiel über mich her, vögelte mit mir, fickte mir den Verstand aus dem Hirn. Es war, als wenn es auf einmal bei ihr „Klick“ gemacht und sie verstanden hätte, was ich tatsächlich von ihr wollte. Und ich dachte glückselig: Yeah! Endlich!

Bis mir auffiel, dass es weniger mit mir als Mann zu tun hatte, als mit ihrer brodelnden Eifersucht. Dass sie ja eigentlich nur dann wirklich scharf auf mich wurde, wenn sie das Gefühl hatte, ich ginge ihr fremd. Zunächst nutzte ich diesen Umstand und erzählte ihr noch Geschichten im Bett, wie ich mit anderen vögele. Erzählte ihr, wie schön das sei. Erzählte ihr, dass ich sie fixieren würde und vor ihren Augen wahre Orgien mit anderen haben würde. Und dass sie rein gar nichts dagegen tun könne. Ich spielte mit ihrem Wusch nach Hilflosigkeit, nach Ausgeliefertsein. Ich spürte wie sie vor Lust vibrierte. Ich war auf eine Art präsent in ihrem Kopf, die mich einerseits absolut faszinierte. Ich hatte ihren stärksten Kink gefunden und bediente ihn auf immer brutalere Art und Weise. Die Geschichten wurden härter. Die Rolle, die sie darin spielte, immer mehr auf das reduziert, was sie auf der einen Seite am meisten anmachte und sie auf der anderen Seite am meisten ängstigte. — Für mich war das einerseits höchst befriedigend, denn ich entdeckte meine sadistische Ader und konnte sie ausleben.

Also alles gut? Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende? Nein. Nicht wirklich.

Als jemand, der ein besonders gutes Einfühlungsvermögen hat und auch die Psychologie dahinter versteht, so wie ich, hätte ich eigentlich wissen müssen, was ich damit bei ihr anrichtete.

Ich fachte ihre Eifersucht an. Einerseits. Andererseits kam in mir das Gefühl auf, sie damit auf eine ganz hinterhältige Art zu vergewaltigen.

In ihr entstand ein Bild von ihrem Mann, der auf seinen beruflichen Reisen, tatsächlich überall Kontakte hatte, der sie auf jeder Reise betrog, hintergang und mit allem herumvögelte, was nicht bei drei auf dem Baum sei. Ihre Eifersucht wurde krankhaft. All ihre Energie steckte sie nun nicht mehr in (mehr oder weniger) eingebildete Krankheiten vom jüngsten Sohn, sondern in den Versuch, mir zu beweisen, dass ich tatsächlich so ein Arschloch sei, wie ich es ihr im Bett erzählte.

Sie entwickelte kriminelle Tendenzen, wurde versiert im Knacken von Passworten, nahm heimlich mein Handy, kontrollierte Chats und Mails, untersuchte sowohl private als auch berufliche Emails nach sexuell eindeutigem Inhalt, knackte mein Passwort auf der Buchungsseite für meine beruflichen Reisen, kontrollierte, ob ich tatsächlich in dem Land sei, das ich ihr gesagt hatte. Sie rief auch einige Male an der Rezeption des jeweiligen Hotels an und fragte, ob ich schon da sei und ob ich allein sei. Und konfrontierte mich mit ihren Ergebnissen.

Und dazu kam dann noch die Tatsache, dass sie nach ihrem Orgasmus ausgeschaltet war, sich umdrehte und einschlief und ich daneben lag, die Holzdecke über mir anstarrte und mir dachte: „Puhhh… und ich?“

Dann traf ich eine Kollegin aus Amerika in Paris bei einem beruflichen Workshop. Wir verstanden uns auf Anhieb fantastisch, lachten viel, redeten viel und fingen an, uns auch privat zu schreiben. Ich machte daraus keinen Hehl, erzählte meiner Exfrau davon und sie hatte anfänglich auch nichts dagegen einzuwenden, denn sie war ja knapp 5000 km entfernt.

Natürlich wurde es ihr auch mal zu viel. Dann stritten wir uns wegen ihr. Ich erklärte ihr, dass sie meine Freundin sei. Und dass ich mir von niemandem verbieten lasse, mit ihr zu schreiben.

Das heizte ihre Eifersucht noch weiter an. Irgendwann musste ich dann beruflich in die USA. Für meine Exfrau war es die Bestätigung all ihrer Ängste. Ich fliege dahin und werde die Woche mit meiner Freundin im Bett verbringen. — Was ich, bei all unserer Flirterei zu diesem Zeitpunkt nicht mal geträumt hatte. Ich war und bin niemand der Fremdgeht. Dachte ich.

Die ersten zwei Tage in den USA waren fantastisch. Meine Freundin holte mich vom Flughafen ab, zeigte mir die Stadt, fuhr mit mir in ihrem Sportwagen-Cabrio überall hin, wir redete, lachten, sprachen und hatten unseren Spaß.

Von daheim bekam ich viele Nachrichten, wie schrecklich ich doch sei. Wie sehr mich die Kinder vermissen würden, dass sie jeden Abend weinen würden wegen mir. Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich machte ein Videoanruf nach hause. Ich zeigte meiner Exfrau mein Zimmer, erzählte ihr, dass ich allein sei, öffnete alle Türen, zeigte ihr Bilder der Stadt und versuchte sie zu beruhigen. Mir fiel eine Platzwunde am Kopf auf und fragte sie nach dem Grund. Sie meinte, sie sei in der Dusche ausgerutscht, was ich mir zwar nicht vorstellen konnte, aber ich fragte nicht nach. Am Ende des Telefonats erklärte sie mir, dass sie unter der Dusche ihren Kopf immer wieder gegen die Duschwand gehauen hätte, wegen mir. Bis es blutete. Und noch weiter.

Das Telefonat hatte also nicht wirklich diese Wirkung erzielt, die ich erzielen wollte. Im Gegenteil. Ich war voller Schuld. Und Scham. Ich hatte hier spaß und zu Hause ging alles drunter und drüber.

Später am Abend kam mich meine Freundin besuchen. Wir wollten Essen gehen und anschließend irgendwo etwas trinken. Sie schaute mich an, setzte sich aufs Bett und fragte mich, was denn los sei. Ich erzählte ihr von meinem Kummer. Erzählte ihr alles. Von vorne bis hinten. Und sie hörte einfach nur zu. Unterbrach mich, wenn sie etwas nicht verstanden hatte, half mir mit Worten und gab mir das Gefühl, tatsächlich mein Freund zu sein. Etwas wunderschönes. Zum ersten mal nach 15 Jahren Ehe öffnete ich mich jemandem und erzählte von meinem Kummer, meinen Bedürfnissen, meinen Sehnsüchten. Und sie hörte zu.

Später gingen wir essen, dann trinken. Dann redeten wir wieder miteinander, lachten, sie lenkte mich ab. Und alles war schön.

Am nächsten Tag erzählte sie mir von ihrem Lebensstil. Sie hatte einen festen Freund. Aber noch einen boyfriend in einer anderen Stadt, den sie liebte, zu dem sie alle zwei bis drei Wochen für ein paar Tage fuhr. Auf meine Frage warum sie so lebte, erklärte sie mir, dass sie mit ihrem Hauptfreund glücklich sei. Aber dass es ein paar Dinge gäbe, die sie nicht von ihm bekommen könne. Diese holte sie sich eben von ihrem Freund in der anderen Stadt.

Außerdem gab es noch an der Westküste ein paar Männer, mit denen sie sich immer mal wieder traf, die andere Kinks von ihr bedienten. So erzählte sie mir, dass sie sich von denen fesseln ließ. „Pretty tied up, hanging upside down.“ von Guns&Roses fiel mir dabei spontan ein.

Sie erklärte mir, was Polyamorie bedeutet und brachte mich auf ganz neue Ideen, gab mir einen Blog von Dan Savage zu lesen, in dem er genau solche Fragen, wie ich sie hatte, beschrieb und beantwortete. Außerdem las ich einiges von der Paartherapeutin Esther Perel (The secret to desire in a long-term relationship). Kurz: Meine Freundin öffnete meinen Horizont, zeigte mir Auswege und zeigte mir außerdem, dass meine Lust und meine Begierde nichts abartiges waren, sondern eigentlich etwas ganz normales. Und sie zeigte mir, indem sie sich öffnete, dass auch Frauen begehren können.

Und als Abschluss meines Besuches dort hatten wir beide zusammen das längste Vorspiel, das ich bis dahin hatte. Vier Stunden lang. Ich brauchte Stunden, um den Druck wieder abzubauen.

Erwartungsgemäß hielt meine Exfrau von meinen neuen Ideen eher wenig. Im Gegenteil, jetzt war meine Freundin nicht nur der Grund für ihre Eifersucht, sondern auch noch abartig, eine Hure gar, die sich prostituierte und mich ihr wegnehmen wollte.

Meine Exfrau bestand dann eines Tages darauf, dass wir gemeinsam eine Paartherapie machen sollten, sonst würde sie sich wirklich trennen. Wir diskutierten das Thema und sie erklärte mir, dass mir die Therapeutin gewiss den Kopf waschen würde. Dass das, was ich tue und ihr vorschlug einfach abartig sei. Dass ich ein moralisches Wrack sei. Dass ich ganz eindeutig ein Egoist, ein Narzisst gar, sei. Dass ich überhaupt nicht an ihre Bedürfnisse denke. Sondern dass sich alles nur und ausschließlich um mich drehen müsse.

Interessanter Weise (und sehr zum Ärger meiner Exfrau, die nach dem ersten Termin eigentlich die Therapeutin wechseln wollte) war die Paartherapeutin da etwas anderer Meinung. So erklärte sie uns, dass – therapeutisch gesehen – Paare mindestens ein- besser zwei bis dreimal in der Woche Sex haben sollten, um Nähe aufzubauen und diese auch behalten zu können, darauf aufbauen zu können. Natürlich gäbe es immer Zeiten, wo das nicht so möglich sei, aber man sollte immer schauen, dass man Zeit für sich und für das Paar findet, ansonsten könne eine Beziehung zerbrechen.

Meine Exfrau war ziemlich erschrocken darüber. Ich tat das, was ich immer in solchen Momenten tue: Ich lachte. Ziemlich laut. Der ganze Frust, die Selbstzweifel, meine Vorwürfe, ihre Vorwürfe, alles entlud sich mit einem Mal und ich lachte und gackerte und kicherte, fiel fast vom Stuhl und lachte weiter.

Wir besprachen mit der Therapeutin auch andere Beziehungsmodelle. Wenn die Beziehung als solche intakt sei und der eine Partner mehr Lust über eine bestimmte Zeit empfand als der andere, könne man sich ja etwas öffnen. — Also im Prinzip all jene Dinge, die ich aus Amerika mitbrachte oder bei Dan Savage und Esther Perel gelesen hatte. Allerdings stellte sich bei weiteren Sitzungen heraus, dass unsere Beziehung eben nicht mehr intakt war.

Das ganze dauerte noch eineinhalb Jahre, bis ich dann schlussendlich die Reissleine zog. Wir besprachen bei einem Spaziergang im Wald, dass ich jetzt ausziehen würde. Ich begab mich auf Wohnungssuche. Während der Zeit fing ich real an zu flirten, lernte Frauen kennen, ging mit ihnen tatsächlich während meiner Dienstreisen essen, vögelte mit der einen oder anderen und konnte so den Stress daheim abbauen. Stolz bin ich nicht darauf. Aber damals hatte ich das alles gebraucht. Und wenn dir sowieso immer wieder vorgeworfen wird, fremd zu gehen, dann wirst du irgendwann auch mal schwach und denkst dir: Stress hast du eh deswegen, deshalb kannst du auch etwas schönes mitnehmen.

Auch während der Jahre nach der Trennung machte ich viele Erfahrungen, die ich in den Jahren zuvor nicht gemacht hatte. Allerdings trennte ich mich meist sofort wieder, sobald es mir zu eng wurde. Ich wollte mich nicht binden. Ich wollte niemanden mehr so nahe an mich heran lassen. Ich wollte einfach nur genießen.

Und dann traf ich Dilara und verliebte mich.

Ein Kommentar zu „Über die Erkenntnis des Seins und das Zulassen von Lust und Leidenschaft

  1. Danke, ein Teil der Geschichte kommt mir bekannt vor.
    Am meisten freut mich der letzte Satz! Das ich es euch von Herzen gönne, dass ihr euch getroffen habt, das schreibe ich hier ja nicht zum ersten mal. 😙😁

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